Easy Rider des Nordens

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Viele kennen sie aus dem Fernsehen vom „Immenhof“. Ihre Markenzeichen sind ihre Körperstatur, ihre Robustheit und neben Schritt, Trab und Galopp die Gangarten Pass und Tölt. Auf dem Hof Kranichtal in Hornbek werden seit über 20 Jahren Islandpferde gezüchtet.

 

Hornbek. Das hochbeinige Pferdekind ist ungeduldig. Kaum aus dem Paddock auf die Weide gestakst, möchte das Stutfohlen über die weitläufigen Flächen toben, aber seine Mama hat längst die Nase ins Gras gesenkt. Damit kann ihr Töchterchen noch nichts anfangen: Erst eine Woche alt, zieht es die warme Muttermilch vor und als unabhängiger Geist, der den Islandpferden eigen ist, dreht sie eben allein einige Runden in rasantem Galopp.

 

Stute Fenna  lässt es auch lieber ruhig angehen und ignoriert den kleinen Wildfang. Eigentlich sollte sie in der Nacht zuvor ihr Fohlen gebären, alle Anzeichen sprachen dafür. „Aber dann kam der Regen und dann warten die Stuten noch, weil sie wissen, dass ihr Fohlen nach der Geburt nicht trocken wird“, erklärt Lena Hermes (21), die gerade eine Tierpfleger-Ausbildung auf dem Hof Kranichtal absolviert. Dann bringt sie einen älteren Herrn auf eine andere Weide, wo er schon sehnsüchtig erwartet wird. „Hjalti“ soll heute in einer Gruppe Stuten für Nachwuchs sorgen. Der Vater des Weltmeisters ist Vererber vieler sportlich erfolgreicher Isländer. Kaum auf dem Grün angekommen, zeigt er seine beeindruckenden und raumgreifenden Gänge. „Es ist einfach schön, ihn so zu sehen“, schwärmt Pferdwirtschaft-Azubi Michèle Fastert (20). Pro Jahr erblicken 20 bis 30 Islandpferde auf dem Hof das Licht der Welt.

 

Auf der 45 Hektar großen, idyllisch gelegenen Anlage im Kranichtal stehen zurzeit 150 Isländer, darunter 30 Einsteller. Für Gestütsleiterin Sarah Kuhl kommt keine andere Rasse in Frage, als die aus der Kult-Serie „Immenhof“ bekannten kleinen Pferde. Ihre Prüfungen hat die 37-jährige  Pferdewirtschaftsmeisterin auf großrahmigen Hannoveranern auf dem Celler Landgestüt abgelegt. Doch es sind die genügsamen, ausdauernden und sehr wesensfesten Pferde von der Insel aus Feuer und Eis, die schon in ihrer Kindheit ihr Herz gewonnen haben – ein für alle Mal: „Seitdem ich sechs Jahre alt war, wollte ich Isländer reiten und einen eigenen Pferdehof haben. Ein anderer Beruf ist für mich nie in Frage gekommen.“

 

Die Gründe sind die besonderen Charaktereigenschaften der „Isis“: „Sie sind pfiffig, wendig, sportlich, temperamentvoll und verfügen über einen gewissen Spirit.“ 1997 hat sie auf dem Grundstück am Lippenhorst Weg in Hornbek den Aufbau der Anlage in Angriff genommen. Heute gibt es hier zahlreiche Reitkurse, Unterrichts- und Ferienangebote, Schulungen und natürlich werden die Isländer nicht nur hier gezogen, sondern auch verkauft. Voraussetzung: eine Reitstunde mit ausführlichem Gespräch bei der Züchterin, damit sie absehen kann, ob ihr Pferd in geschulte Hände kommt. Denn auch wenn Isländer als genügsam und leichtrittig gelten, ist die Voraussetzung dieser Eigenschaften eine entsprechende, pferdegerechte Haltung.

 

Wer die Bilder von Reitturnieren vor Augen hat, empfindet den Anblick der „Easy Rider“, wie sie auch genannt werden, zunächst als ungewohnt. Isländer weisen eine Widerristhöhe von 1,35 bis 1,50 Meter auf, beim Deutschen Warmblut wie dem Holsteiner kann man locker 20 Zentimeter drauflegen. Doch es gibt eine weit größere Auffälligkeit bei den struppigen kleinen Pferden mit den dicken Mähnen: Neben Schritt, Trab und Galopp laufen Sie auch im Pass – einer sehr schnellen Gangart im Zweitakt, bei der Geschwindigkeiten von bis zu 50 Stundenkilometern erreicht werden können. Und natürlich den Tölt. Hier setzt das Pferd ein Huf nach dem anderen im Viertakt auf, dabei schwingt der Rücken kaum mit. Diese Gangart bietet daheim in Island eine bequeme Reisegeschwindigkeit über Gletscher, Eis und unwegsame Ebenen. In Deutschland wird sie geschätzt als Gangart, in der sich auch Wiedereinsteiger, ältere Anfänger und unsichere Reiter auf dem Pferderücken wohlfühlen.

 

Die Isi-Reiter bilden unter Freizeit- wie Sportreitern eine ganz besondere Gemeinschaft. Auf Reitertreffen und Turnieren gehört das gemeinsame Grillen und Campen dazu. Man kennt sich, auch über das Netzwerk von Züchtern.

 

Sarah Kuhls Passion ist das Turnier, sie schätzt besonders die Leistungsbereitschaft der Isländer. Aber eben auch die andere Seite: mal gemeinsam mit dem Team und Gästen zum Schwimmen reiten, entspannen, das Zusammensein mit den Isländern genießen. Islandpferde, sagt sie, seien ideale Familienpferde, die nahezu jeder Anforderung gerecht werden: „Sie sind anspruchsvolle Sportpferde, die man fördern und fordern kann. Aber sie sind auch ideale Kumpel, um nach einem anstrengenden Arbeitstag einfach mal die Seele baumeln zu lassen.“

 

Islandpferdehof Kranichtal

Auf der Anlage am Lippenhorst Weg in Hornbek mit Reitschule werden Reiterferien, Tagesausritte und die Ausbildung von Islandpferden angeboten. Sarah Kuhls blickt auf eine 20-jährige Zuchterfahrung zurück. Die meisten Fohlen stammen von dem Weltmeister „Laxnes“ ab. Zurzeit decken hier „Hjalti vom Blitzberg“ und „ Zuchtchampionatsgewinner „Merkur von Maischeiderland“. Sarah Kuhls ist Trainerin A bis Sportrichterin des Islandpferde- reiter- und Zuchtverband (IPZV), Richterin im Rahmen der Allgemeinen Prüfungsverordnung für Islandpferde (API), Jungpferdebereiterin und IPZV-Körungrichterin. Nähere Infos unter www.kranichtal.de.